Die Geschichte des Mehls - Galerie der Mehlsäcke - Illustration 1Die Geschichte des Mehls - Galerie der Mehlsäcke - Illustration 2

Die Geschichte des Mehls:
Vom Mörser zur Industriemühle

Das Rad war noch nicht bekannt, als der Mensch eine revolutionäre Technik entdeckte: die Herstellung von Mehl. Die Erkenntnis, dass sich schwer verdauliche Samen zu nahrhaftem Staub zerkleinern lassen, lenkte das Geschick der Menschheit in eine neue Richtung. Ohne die Erfindung des Mahlsteins gäbe es kein Brot oder Gebäck, keine Nudeln oder Pizza, keinen Brei oder Kuskus. Es gäbe wahrscheinlich weniger Menschen auf dem Planeten. Und es gäbe keine Zivilisation, wie wir sie kennen. Vermutlich wäre das Rad, ein Hilfsmittel der Ackerbaukulturen, niemals erfunden worden.

Heute ist Mehl alltägliche Kost für viele Menschen. Doch eine Selbstverständlichkeit ist es nicht: Das Getreidepulver, das große Teile der Weltbevölkerung ernährt, ist das Ergebnis einer jahrtausendelangen Entwicklung. Die Geschichte des Mehls handelt von brillanten Innovationen und wachsendem Wohlstand, aber auch von bitteren Hungersnöten. Getreide, Mehl und Brot sind untrennbar verbunden mit der menschlichen Zivilisation: Wo immer ausreichend geerntet, gemahlen und gebacken wurde, da blühten auch Kultur und Wirtschaft auf.

Wilde Gräser standen vermutlich schon früh auf dem Speiseplan unserer Urahnen. Die eigentliche Ernährungsrevolution bahnte sich aber erst nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit an. Durch eine fruchtbare Region, die sich vom Nahen Osten bis ins Zweistromland erstreckte, streiften vor 13.000 Jahren die Jäger und Sammler der mittelsteinzeitlichen Natufien-Kultur. Sie hinterließen einfache Sicheln mit Steinklingen: Daran ließen sich Spuren nachweisen, die wahrscheinlich beim Schneiden von Gräsern entstanden sind. Möglicherweise war es diese Kultur, die während eines vorübergehenden Klimaeinbruchs dazu überging, einen Teil der Körner wieder im Boden zu vergraben.

Die Erfindung des Ackerbaus veränderte das Leben der Menschen: Die Nomaden wurden sesshaft, bauten Dörfer und betrieben Viehzucht. Doch auch in den ersten Hochkulturen zerrieb man Körner noch in Handarbeit zwischen einfachen Mahlsteinen. Den Römern genügte das nicht mehr: Um die wachsende Stadtbevölkerung mit Mehl versorgen zu können, zerkleinerten sie das Getreide mit Glockenmühlen – zentnerschweren Konstruktionen, die von Sklaven oder Tieren angetrieben wurden. Und der Architekt und Ingenieur Vitruv beschrieb gegen 25 vor Christus eine Wassermühle, bei der ein Schaufelrad über ein Zahnradgetriebe die Mühlsteine bewegte.

Diese Erfindung der Antike nutzten auch die Müller des Mittelalters. Im zwölften Jahrhundert erreichte zudem eine neue Konstruktion den europäischen Kontinent: die Windmühle, die ihren Ursprung vermutlich im Orient hat. Ob Kreuzfahrer die Erfindung aus der arabischen Welt mit nach Hause nahmen, ist ungewiss — sicher ist nur, dass sich bereits um das Jahr 1150 Windmühlen im weit entfernten England drehten. Ihre Blütezeit erlebte die anfangs mit Misstrauen beäugte Technik in den Niederlanden, wo sie gegen Ende des Mittelalters zum wachsenden Wohlstand beitrug. Bis weit in die Neuzeit hinein bestimmte die Windmühle das europäische Landschaftsbild.

Das änderte sich erst mit dem Anbruch des Industriezeitalters. Am Ufer der Themse entstand 1786 die erste Dampfmühle Londons: Lastkähne brachten das Getreide direkt ins Untergeschoss des schmucklosen Gebäudes. In der Mühle setzten zwei Dampfmaschinen zu je 50 Pferdestärken zusammen 20 Mühlsteinpaare in Bewegung. Die "Albion Mill" war so produktiv, dass sie die Missgunst der Konkurrenten auf sich zog. Nach fünf Jahren ging sie, begleitet vom Gejohle des Londoner Mobs, in Flammen auf. Was in England vorerst auf wenig Verständnis stieß, fiel in Amerika auf fruchtbaren Boden. Dort konstruierte der Erfinder Oliver Evans eine Dampfmaschine, die mit höherem Druck arbeitete und bald vollautomatische Großmühlen zum Laufen brachte.

Heute erinnert in modernen Mühlen kaum noch etwas an ihre Vorläufer aus der Anfangszeit der industriellen Revolution. Großmühlen produzieren Hunderte verschiedener Mehlsorten für jeden erdenklichen Zweck und in unfassbaren Mengen. Jedes Jahr rieseln weltweit allein 320 Millionen Tonnen Weizenmehl für die menschliche Ernährung aus den Walzenstühlen. Gerade die Weizenmüllerei hat sich zu einer globalen Industrie mit großer Verantwortung entwickelt. Denn die Pflanze, die vor über 10.000 Jahren von den Pionieren des Ackerbaus kultiviert wurde, bildet heute die Nahrungsgrundlage für ein Drittel der Weltbevölkerung — sie steht zwischen uns und dem Hunger.